Dr. Silke Bechlars
7 häufige Fehler beim Medical Writing und wie Sie diese vermeiden
Beim Medical Writing können unpräzise Formulierungen, verschachtelte Sätze und uneinheitliche Fachbegriffe die Verständlichkeit medizinisch-wissenschaftlicher Texte beeinträchtigen. Wer solche Stilfehler vermeidet, kann komplexe wissenschaftliche Inhalte klarer und präziser vermitteln. Professionelles Medical Writing erfordert neben medizinisch-wissenschaftlicher Expertise auch sprachliche Genauigkeit. Ob Fachartikel, Studienbericht oder Kongressabstract: Entscheidend ist, dass wissenschaftliche Aussagen fachlich korrekt, nachvollziehbar und auf die jeweilige Zielgruppe abgestimmt formuliert werden. Wir zeigen Ihnen sieben häufige Stilfehler beim Medical Writing und wie Sie diese anhand konkreter Beispiele vermeiden können.
1. Unpräzise Formulierungen in medizinisch-wissenschaftlichen Texten
Unpräzise Angaben erschweren die Nachvollziehbarkeit wissenschaftlicher Methoden und Ergebnisse. Insbesondere bei der Beschreibung von Studienpopulationen, Untersuchungsmethoden und Ergebnissen sollten Formulierungen möglichst eindeutig sein.
Ein Beispiel aus der Beschreibung einer bildgebenden Untersuchung:
Ungenau:
„Es wurden einige definierte Bereiche der Wirbelsäule im MRT untersucht, um Wirbelkörperfrakturen zu detektieren.“
Präziser:
„Mittels Magnetresonanztomografie (MRT) wurden die Lendenwirbelkörper L3 bis L5 sowie der erste Sakralwirbel S1 auf Frakturen untersucht.“
Die zweite Formulierung benennt die untersuchten anatomischen Strukturen und die verwendete Untersuchungsmethode eindeutig.
Zu den häufig verwendeten unpräzisen Begriffen zählen:
-
einige
-
mehrere
-
viel oder wenig
-
deutlich
-
schwach
-
relativ
-
ungefähr
Solche Wörter sind nicht grundsätzlich falsch. Problematisch werden sie, wenn konkrete Angaben erforderlich und verfügbar sind.
In wissenschaftlichen Ergebnisdarstellungen sollte beispielsweise eine Aussage wie „Die Behandlung führte zu einer deutlichen Verbesserung“ nach Möglichkeit durch die zugrunde liegenden Daten ergänzt werden. Dazu gehören je nach Fragestellung Effektgröße, Streuungsmaß, Konfidenzintervall oder statistische Kennzahlen.
Entscheidend ist, dass die Wortwahl den tatsächlichen Informationsgehalt der Daten wiedergibt.
2. Verschachtelte Nebensätze erschweren das Verständnis wissenschaftlicher Texte
Die zentrale Aussage eines wissenschaftlichen Satzes sollte möglichst direkt erkennbar sein. Lange Satzgefüge mit mehreren Nebensätzen können wichtige Informationen verdecken und erschweren die Verarbeitung komplexer Inhalte.
Besonders häufig entstehen unnötige Satzkonstruktionen durch einleitende Formulierungen wie:
-
„Es ist bekannt, dass ...“
-
„Es wird vermutet, dass ...“
-
„Daraus folgt, dass ...“
Solche Einleitungen verlängern den Satz, ohne zwangsläufig zusätzliche Informationen zu vermitteln.
Umständlich:
„Es konnte gezeigt werden, dass die Behandlung, die über einen Zeitraum von zwölf Wochen durchgeführt wurde, zu einer Reduktion der Symptomschwere führte.“
Klarer:
„Die zwölfwöchige Behandlung reduzierte die Symptomschwere.“
Die kürzere Formulierung stellt das Ergebnis unmittelbar in den Mittelpunkt. Voraussetzung ist, dass die Studie eine solche Aussage tatsächlich stützt.
Nebensätze bleiben ein wichtiges sprachliches Mittel, um Bedingungen, Einschränkungen und Zusammenhänge darzustellen. Sie sollten jedoch die wissenschaftliche Kernaussage ergänzen und nicht verdecken.
Auch die Präzision der Aussage muss erhalten bleiben: Ergebnisse einer Beobachtungsstudie dürfen durch sprachliche Verkürzung beispielsweise nicht als kausaler Wirksamkeitsnachweis dargestellt werden.
3. Doppelte Verneinungen in medizinischen Texten vermeiden
Doppelte Verneinungen erhöhen die sprachliche Komplexität und können wissenschaftliche Aussagen unnötig schwer verständlich machen. Positive Formulierungen sind häufig leichter zu erfassen, sofern sie den Sachverhalt korrekt wiedergeben.
Umständlich:
„Das neue Analgetikum gehört nicht zu den Arzneimitteln, bei denen viele Nebenwirkungen auftreten.“
Klarer, sofern durch die Daten belegt:
„Unter der Behandlung mit dem neuen Analgetikum traten nur wenige Nebenwirkungen auf.“
Die zweite Formulierung benennt die Aussage direkter. Allerdings ist „wenige Nebenwirkungen“ ohne nähere Quantifizierung ebenfalls ungenau.
In einem wissenschaftlichen Bericht wäre es daher vorzuziehen, die beobachtete Häufigkeit unerwünschter Ereignisse konkret anzugeben.
Verneinungen sind in der medizinisch-wissenschaftlichen Kommunikation dennoch unverzichtbar. Aussagen wie „Es wurde kein statistisch signifikanter Unterschied festgestellt“ lassen sich nicht ohne Bedeutungsveränderung positiv formulieren.
Ziel ist deshalb nicht, sämtliche Verneinungen zu entfernen, sondern unnötige sprachliche Umwege zu vermeiden.
4. Fachbegriffe gezielt einsetzen und unnötige Fremdwörter vermeiden
Medizinische Fachbegriffe ermöglichen eine präzise wissenschaftliche Kommunikation. Zusätzliche Fremdwörter verbessern dagegen nicht automatisch die Qualität eines Textes.
Begriffe wie „Monotherapie“, „Herzinsuffizienz“ oder „Tumornekrosefaktor“ besitzen innerhalb ihres Fachgebiets eine definierte Bedeutung. Sie sollten verwendet werden, wenn sie den medizinischen Sachverhalt präzise beschreiben.
Anders verhält es sich mit Fremdwörtern, für die eine verständliche deutsche Alternative existiert.
| Unnötig kompliziert | Verständlicher |
|---|---|
| Procedere | weiteres Vorgehen |
| konstatieren | feststellen |
| marginal | geringfügig |
| implementieren | umsetzen |
| eruieren | ermitteln oder untersuchen |
Die geeignete Wortwahl hängt von der Zielgruppe ab. Ein Fachartikel für Ärztinnen und Ärzte kann medizinische Terminologie voraussetzen. Patienteninformationen müssen dagegen auch ohne umfangreiches medizinisches Vorwissen verständlich sein.
Beim medizinischen Schreiben ist deshalb zwischen notwendiger Fachsprache und vermeidbarer sprachlicher Komplexität zu unterscheiden.
5. Überflüssige Füllwörter in wissenschaftlichen Texten streichen
Füllwörter und ausschmückende Formulierungen verlängern wissenschaftliche Texte, ohne den Informationsgehalt zu erhöhen. Besonders bei komplexen medizinischen Inhalten empfiehlt es sich, jeden Satz auf seinen fachlichen Beitrag zu prüfen.
Typische Beispiele sind:
-
in der Tat
-
hinlänglich
-
letztlich
-
gewissermaßen
-
zuweilen
-
bekanntermaßen
Umständlich:
„Es konnte letztlich festgestellt werden, dass die Behandlung in der Tat zu einer Verbesserung der Symptomatik führte.“
Klarer:
„Unter der Behandlung verbesserte sich die Symptomatik.“
Die überarbeitete Fassung transportiert die Kernaussage mit weniger Wörtern. Für eine wissenschaftliche Ergebnisdarstellung sollten zusätzlich die relevanten Daten angegeben werden.
Nicht jedes sprachlich ergänzende Wort ist überflüssig. Einschränkungen wie „möglicherweise“, „wahrscheinlich“ oder „unter bestimmten Bedingungen“ können entscheidend sein, um wissenschaftliche Unsicherheit korrekt auszudrücken.
Kürzen Sie Formulierungen nur dann, wenn die fachliche Bedeutung vollständig erhalten bleibt.
6. Wissenschaftliche Fachbegriffe konsistent verwenden statt ständig Synonyme einzusetzen
Die konsistente Verwendung wissenschaftlicher Fachbegriffe verhindert Missverständnisse und erleichtert die Zuordnung von Informationen. Anders als in journalistischen oder literarischen Texten ist sprachliche Abwechslung in medizinisch-wissenschaftlichen Publikationen kein Selbstzweck.
Viele medizinische Begriffe besitzen keine vollständig bedeutungsgleichen Synonyme. Werden unterschiedliche Bezeichnungen für denselben Sachverhalt verwendet, können Leserinnen und Leser fälschlicherweise verschiedene Konzepte vermuten.
Ein Beispiel:
Wenn eine Studie durchgehend den Begriff „unerwünschte Ereignisse“ verwendet, sollte dieser nicht beliebig durch „Nebenwirkungen“ ersetzt werden.
Beide Begriffe sind wissenschaftlich nicht gleichbedeutend:
-
Unerwünschtes Ereignis: Ein nachteiliger medizinischer Vorfall, der zeitlich im Zusammenhang mit einer Behandlung auftritt, ohne dass zwingend ein ursächlicher Zusammenhang besteht.
-
Nebenwirkung: Eine unerwünschte Reaktion auf ein Arzneimittel, bei der ein ursächlicher Zusammenhang zumindest begründet vermutet wird.
Die Begriffe sollten entsprechend ihrer fachlichen Bedeutung verwendet werden.
Wortwiederholungen sind in wissenschaftlichen Texten daher häufig sinnvoll. Sie tragen dazu bei, medizinische Sachverhalte eindeutig und konsistent darzustellen.
7. Unklare wissenschaftliche Aussagen und unbelegte Verweise vermeiden
Wissenschaftliche Aussagen sollten erkennen lassen, auf welchen Daten, Untersuchungen oder Quellen sie beruhen. Allgemeine Verweise auf Studien und unzureichend erläuterte Ergebnisdarstellungen erschweren die Bewertung der wissenschaftlichen Evidenz.
Ein häufiges Beispiel ist die Formulierung:
Unzureichend belegt:
„In einer Studie konnte bereits gezeigt werden, dass die Behandlung wirksam ist.“
Die Aussage lässt offen, welche Studie gemeint ist, welche Endpunkte untersucht wurden und worauf sich die behauptete Wirksamkeit stützt.
Präziser:
„In der randomisierten kontrollierten Studie [Referenz] wurde unter der Behandlung im Vergleich zur Kontrollgruppe eine Verbesserung des primären Endpunkts beobachtet.“
Für eine vollständige wissenschaftliche Darstellung sollten die relevanten Effektmaße und statistischen Ergebnisse ergänzt werden.
Auch bei der Beschreibung experimenteller Ergebnisse ist eine transparente Darstellung wichtig.
Beispiel:
„Die Zytotoxizität wurde in drei unabhängigen Versuchen bestimmt. Abbildung 2 zeigt einen repräsentativen Versuch.“
Diese Formulierung ist nicht grundsätzlich problematisch. Unklar bleibt jedoch, nach welchen Kriterien der dargestellte Versuch ausgewählt wurde und wie stark die Ergebnisse zwischen den Experimenten variierten.
Je nach Fragestellung kann es sinnvoll sein, die Ergebnisse aller drei Versuche zusammenzufassen, Streuungsmaße anzugeben oder die Auswahl der repräsentativen Abbildung zu begründen.
Präzise wissenschaftliche Kommunikation bedeutet, Ergebnisse nachvollziehbar darzustellen und ihre Aussagekraft angemessen einzuordnen.
Checkliste: Medizinisch-wissenschaftliche Texte sprachlich überarbeiten
Vor der Veröffentlichung sollten medizinisch-wissenschaftliche Texte auf Verständlichkeit, Präzision und Konsistenz geprüft werden.
- Die zentralen Aussagen sind eindeutig formuliert.
- Zahlen und Ergebnisse werden konkret angegeben, sofern verfügbar.
- Lange und verschachtelte Sätze wurden vereinfacht.
- Unnötige Verneinungen und sprachliche Umwege wurden reduziert.
- Fachbegriffe werden korrekt und zielgruppengerecht verwendet.
- Überflüssige Füllwörter wurden entfernt.
- Wissenschaftliche Begriffe werden konsistent verwendet.
- Aussagen sind durch geeignete Quellen oder Daten belegt.
- Einschränkungen und Unsicherheiten bleiben erkennbar.
- Die sprachliche Überarbeitung verändert nicht die wissenschaftliche Aussage.
Fazit: Präzision und Verständlichkeit gehören beim Medical Writing zusammen
Medizinisch-wissenschaftliche Texte müssen komplexe Informationen korrekt und nachvollziehbar vermitteln. Eine präzise Wortwahl, klare Satzstruktur und konsistente Terminologie unterstützen dieses Ziel.
Die sprachliche Überarbeitung sollte sich deshalb nicht allein auf kürzere Sätze oder weniger Fremdwörter konzentrieren. Entscheidend ist, dass wissenschaftliche Aussagen verständlich bleiben, ohne an Genauigkeit zu verlieren.
Gerade bei der Erstellung medizinischer Fachartikel, wissenschaftlicher Publikationen und medizinischer Informationsmaterialien bildet diese Verbindung aus sprachlicher Klarheit und fachlicher Präzision die Grundlage für eine verlässliche wissenschaftliche Kommunikation.
Häufige Fragen zum Schreiben medizinisch-wissenschaftlicher Texte
Was zeichnet einen guten medizinisch-wissenschaftlichen Text aus?
Ein guter medizinisch-wissenschaftlicher Text vermittelt fachliche Informationen präzise, verständlich und nachvollziehbar. Er verwendet eindeutige Begriffe, klar strukturierte Sätze und belegt wissenschaftliche Aussagen mit geeigneten Daten oder Quellen.
Welche Fehler treten beim Medical Writing häufig auf?
Häufige Stilfehler beim Medical Writing sind unpräzise Angaben, verschachtelte Sätze, unnötige Verneinungen, überflüssige Fremdwörter, Füllwörter, inkonsistente Fachbegriffe und unzureichend belegte Aussagen.
Warum sollten medizinische Fachbegriffe konsistent verwendet werden?
Die konsistente Verwendung medizinischer Fachbegriffe verhindert Bedeutungsverschiebungen. Insbesondere bei klinischen Endpunkten, unerwünschten Ereignissen und medizinischen Diagnosen können vermeintliche Synonyme unterschiedliche fachliche Bedeutungen besitzen.
Wie lassen sich komplexe medizinische Inhalte verständlicher formulieren?
Komplexe medizinische Inhalte werden verständlicher, wenn zentrale Aussagen direkt formuliert, lange Sätze gegliedert und unnötige sprachliche Ausschmückungen entfernt werden. Fachliche Einschränkungen und wissenschaftliche Unsicherheiten müssen dabei erhalten bleiben.